Bedürftigkeit versus Notwendigkeit in Beziehung

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Bedürftigkeit versus Notwendigkeit in Beziehung
Oktober 11, 2017 Nicola Neumann-Mangoldt

Beziehungen sind bekanntlich prädestiniert für Konfliktpotential. Das liegt schon allein daran, dass in einer Beziehung zwei Menschen mit unterschiedlicher Erziehung, Erfahrungen und Meinungen aufeinander treffen. Es ist relativ unwahrscheinlich, dass zwei Menschen in allen Punkten das gleiche denken oder über alles die gleiche Meinung haben.

Häufig entstehen Konflikte in Beziehungen jedoch auch, weil den Partnern der Unterschied zwischen Bedürftigkeit und Notwendigkeit nicht klar ist. Kennen Sie Menschen in Ihrem Umfeld, die sich bedürftig verhalten und ihren Partner verantwortlich dafür machen, dass es ihnen gut geht? Das können z. B. Menschen sein, die Erwartungen haben, dass der Partner dieses oder jenes tut, oder sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten soll.

Was genau bedeutet Bedürftigkeit in Beziehung? Wenn Sie bedürftig sind, dann machen Sie Ihren Partner für Ihr Wohlergehen verantwortlich. Ihre Laune ist abhängig von der Laune Ihres Partners und davon, ob er Ihren (meist unausgesprochenen) Erwartungen gerecht wird. Es gibt z. B. Menschen, die ein unglaubliches Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung haben und denen es nur gut geht, wenn sie beides auch von ihrem Partner in großen Mengen bekommen. Doch genau dieser Schuss geht schnell nach hinten los.

Die spannende Frage ist in diesem Zusammenhang vielmehr, woher die Bedürftigkeit kommt. Wer ist normalerweise bedürftig? …Es sind kleine Kinder. Wenn Sie sich bedürftig verhalten, dann agieren Sie also in dem Modus eines Kleinkindes, das auf die Eltern angewiesen ist und nicht selbst das generieren kann, was es braucht. Und da liegt der Hase im Pfeffer begraben.

Viele Menschen versuchen in einer Partnerschaft das zu kompensieren, was sie in der Kindheit nicht bekommen haben. Wenn jemand also nicht genug Liebe, genug Zeit oder genug Anerkennung von den Eltern bekommen hat, kann es durchaus sein, dass sich diese Person in einer Partnerschaft nichts sehnlicher wünscht, als genau dieses Bedürfnis nach Liebe zu stillen. In dem Moment machen Sie Ihren Partner dafür verantwortlich, diese Lücke zu schließen und Sie richten alle Sensoren darauf aus, ob er bzw. sie das auch wirklich tut. Und wehe es gibt Beweise, dass der Partner dem nicht gerecht wird, dann schlägt in Windeseile das unverantwortliche kleine Monster in uns zu mit Sätzen wie „Nie hast Du Zeit“ oder „Warum hast Du nicht angerufen?“ oder „Du kümmerst Dich überhaupt nicht um mich“. Vielleicht kennen Sie solche Sätze. Alternativ dazu kann es auch sein, dass die bedürftige Person im Kindheitsmodus sich einfach schmollend in die Ecke zurück zieht, sich isoliert und nicht mehr mit dem Partner spricht.

Wenn Sie bedürftig sind, dann sind Sie Opfer der Umstände. Sie jammern oder beschweren sich über das, was Ihr Partner tut oder nicht tut und versuchen möglicherweise den Partner geschickt zu manipulieren, um das zu bekommen, was Sie wollen. Sie werden in solchen Momenten von alten Emotionen gesteuert, die Ihr Partner in Ihnen ausgelöst hat und geben somit auch ihm die Schuld, wenn er Ihren Erwartungen nicht gerecht wird. Schließlich hat er doch diese Emotion und dieses Bedürfnis in Ihnen ausgelöst, oder nicht?

Fakt ist jedoch, wenn Sie sich bedürftig verhalten, dann sind Sie weder zentriert, noch im Hier und Jetzt präsent und damit auch nicht in Ihrer Kraft.

Natürlich ist es unglaublich bequem, in der bedürftigen Opferrolle zu sein. Schließlich dürfen Sie sich dann beschweren, jammern, den Partner als Idioten abstempeln, weil er Ihnen schon wieder nicht das gegeben hat, was Sie brauchen und vor allem müssen Sie keine Verantwortung übernehmen. Doch das einzige Resultat, das Bedürftigkeit produziert ist Abhängigkeit. Bedürftigkeit verhindert authentische, erwachsene Beziehung und Intimität.

Lassen Sie uns an dieser Stelle ein kleines Experiment machen:

Experiment: Lassen Sie die Vergangenheit los

Nehmen Sie einen tiefen Atemzug, schließen Sie für einen Moment die Augen und stellen Sie sich vor, dass vor Ihnen ein Fluss vorbei fließt. Nun spüren Sie einmal in sich hinein. Irgendwo da drin gibt es möglicherweise ein Loch aus der Vergangenheit. Vielleicht ist es ein Loch, das Ihnen sagt, dass Sie nicht genug Liebe, Nähe, Wärme, Anerkennung, Zärtlichkeit oder Unterstützung bekommen haben. Was auch immer es sein mag, sprechen Sie das Wort jetzt kurz aus.

Nun haben Sie Klarheit über dieses Loch. Sie haben es sich gerade bewusst gemacht. Nehmen Sie einmal bildlich dieses große schwarze Loch aus Ihrem Körper heraus und halten Sie es vor sich. Dieses Loch hat Sie ein Leben lang begleitet und viele Ihrer Interaktionen in Beziehung beeinflusst. Jetzt haben Sie Klarheit darüber.

Schauen Sie sich dieses Loch weiter an. Es gibt nun eine gute und eine schlechte Nachricht.

Die schlechte Nachricht ist: Mama und Papa werden nie wieder kommen, um dieses Loch zu füllen!

Die gute Nachricht ist: Mama und Papa werden nie wieder kommen, um dieses Loch zu füllen!

Ja, Sie haben richtig gelesen, die schlechte Nachricht ist gleichzeitig die gute Nachricht. Dieses Loch ist Vergangenheit. Sie können es nicht mehr füllen. Stellen Sie sich vor, Sie hatten letzte Woche Mittwoch unglaublichen Durst. Es war eine körperliche Erfahrung. Sie können sich heute noch daran erinnern. Hilft es Ihnen, wenn Sie heute einen Liter Wasser trinken, um den Durst von letzter Woche zu löschen? Nein! Sie können also ab sofort damit aufhören, Ihren Partner dafür verantwortlich zu machen das Loch aus Ihrer Vergangenheit zu füllen. Das wird nicht funktionieren. Diese Haltung produziert lediglich Abhängigkeit,  emotionalen Stress und Distanz in Ihrer Beziehung.

Sind Sie bereit, dieses Loch der Vergangenheit ein für alle Mal gehen zu lassen? Falls ja, dann setzen Sie dieses dunkle Loch, das Sie noch vor sich halten, in den Fluss und sehen Sie zu, wie es mit dem Flusslauf zurück in die Vergangenheit driftet. Es ist vorbei.

Um die Bedürftigkeit vollständig zu transformieren ist es vor allem wichtig, dass Sie Ihre Wutkraft wieder in Besitzt nehmen. Diese Kraft, ermöglicht Ihnen, auf sich Acht zu geben, Grenzen zu setzen, Entscheidungen zu treffen und Notwendigkeit von Bedürftigkeit zu unterscheiden. Wenn Sie die Wutkraft in Besitz nehmen und den Modus der Bedürftigkeit hinter sich lassen, dann macht sich nach und nach Klarheit und Präsenz breit. Dann können Sie erkennen, ob und wann es in Ihrer Beziehung eine tatsächliche Notwendigkeit gibt. Eine Notwendigkeit kommt aus dem Sein, nicht aus dem Ego (bzw. Ihrer Box). Wenn Sie das deutsche Wort einmal auseinandernehmen, wird der Unterschied sogar klar: Not-Wendig-Keit. Es gibt also im Hier und Jetzt eine gewisse „Not“, die es zu „wenden“ gilt. Der Unterschied liegt in der Absicht. Bei der Bedürftigkeit ist die Absicht unbewusst und unverantwortlich, weil Sie versuchen, Ihr eigenes Ego-Bedürfnis aus der Vergangenheit zu stillen. Bei der Notwendigkeit ist die Absicht bewusst und verantwortlich und sie lässt Sie in Aktion treten, möglicherweise Grenzen setzen und Lösungen kreieren.

Hier ein simples Beispiel: Angenommen Sie haben sich eine üble Grippe eingefangen und Ihr Job ist es normalerweise die Kinder zu betreuen. Nun kommt Ihr Partner abends völlig müde von der Arbeit nach Hause. Wenn Sie bedürftig sind, jammern Sie erst einmal, wie schlecht es Ihnen geht, versuchen Aufmerksamkeit zu bekommen und Ihren Partner dadurch zu manipulieren, damit er hoffentlich selbst auf die Idee kommt, sich um die Kinder zu kümmern. Sie erwarten sozusagen von ihm, dass er sich um Sie und um die Kinder kümmert. Wenn Sie hingegen im verantwortlichen Modus sind, nehmen Sie ganz klar wahr, dass Sie körperlich nicht in der Lage sind, die Kinder zu betreuen. Sie erkennen, dass es NOTWENDIG ist, eine andere Lösung zu finden. Aus dieser Notwendigkeit heraus bitten Sie nun Ihren Partner klar und deutlich um das, was sie brauchen, anstatt zu erwarten, dass er es errät.

Oder ein noch alltägliches Beispiel. Sie haben zwei Wasserkästen gekauft, die Sie selbst nicht die Treppen hochtragen können. Also lassen Sie sie unten am Fuß der Treppe stehen. Bedürftigkeit würde sich z. B. darin äußern, dass Sie entweder gar nichts sagen, sondern darauf hoffen, dass der Partner die Kästen sieht und hoch trägt, oder aber in Ihrer Aussage „Es stehen noch 2 Wasserkästen unten an der Treppe.“ Durch diese Haltung erzeugen Sie in Ihrem Partner jedoch keinerlei Notwendigkeit die Wasserkästen zu holen. Hat der Partner sie nach 30 Minuten dann noch nicht herauf getragen kommt der nächste bedürftige Satz „Mann, ständig muss ich Dich doppelt und dreifach bitten. Nie nimmst Du mich ernst“.

Eine Notwendigkeit entsteht erst, wenn Sie diese ganz klar ausdrücken: „Würdest Du für mich bitte die Wasserkästen in die Küche tragen? Sie stehen unten an der Treppe. Danke.“

Es könnte so einfach sein, oder? Beobachten Sie ab sofort einmal, wann Sie dazu neigen, sich bedürftig zu verhalten. Bedürftigkeit und Kleinkind-Modus haben früher bei Mama und Papa vielleicht prima funktioniert, aber heute kreieren Sie damit nur gewöhnliche Beziehung, in der Abhängigkeit und Mangel herrschen, es Diskussionen und möglicherweise Streit gibt und Sie auf Dauer Distanz statt Nähe und Vertrautheit schaffen.

Das ist nicht gut und nicht schlecht. Die Frage ist einfach, welche Art von Beziehung Sie kreieren möchten. Eine erwachsene, erfüllende Partnerschaft ist nicht möglich, wenn Sie im Bedürftigkeitsmodus stecken.

Wenn Ihr Partner das nächste Mal also einen roten Knopf bei Ihnen drückt, oder Sie sich dabei ertappen, dass Sie jammern und sich über ihn/sie beschweren (selbst wenn es nur in Gedanken ist!!!), dann gehen Sie noch einmal einen Schritt zurück. Welches Bedürfnis wurde in Ihnen angestoßen? Erwarten Sie von ihrem Partner, dass er dieses Bedürfnis erfüllt? Wo kommt das Bedürfnis eigentlich her? Schauen Sie bei SICH. Die Antwort ist in IHNEN.

Im Folgenden finden Sie einige Unterscheidungen zu Bedürftigkeit und Notwendigkeit.

Bedürftigkeit Notwendigkeit
Kommt aus der Box / dem Ego. Kommt aus dem Sein.
Sie agieren unverantwortlich. Sie agieren verantwortlich.
Sie sind das Opfer der Umstände. Sie sind die Quelle der Ressourcen.
Sie manipulieren Ihren Partner / andere, um Ihr Bedürfnis erfüllt zu bekommen. Sie setzen klare Grenzen und bitten um Unterstützung.
Sie machen Ihren Partner für Ihr Wohlergehen verantwortlich. Sie sind selbst für Ihr Wohlergehen verantwortlich.
Sie jammern oder beschweren sich. Sie beobachten neutral, was passiert.
Sie versuchen ein „Loch“ aus der Vergangenheit zu füllen. Sie sind im Jetzt präsent mit dem, was ist.
Sie verhalten sich angepasst. Sie sind zentriert.
Ihr Gremlin sitzt am Steuer Ihres Lebens. Sie sitzen am Steuer Ihres Lebens.
Sie kreieren Niederes Drama Sie kreieren sog. Hohes Drama.
Sie werden von alten Emotionen gesteuert. Sie nutzen bewusst Ihre Gefühle in der Gegenwart.
Sie vertrauen sich selbst nicht. Sie vertrauen sich selbst.
Sie geben dem Partner die Schuld. Sie schauen grundsätzlich zuerst bei sich selbst.
Sie warten darauf, dass etwas passiert bzw. Sie jemand rettet. Sie kreieren selbst und treten in Aktion.
Sie haben Erwartungen an andere. Bitten Sie klar um das, was Sie brauchen.
Sie machen sich klein. Sie nutzen Ihre Kraft der Klarheit.
Sie verfolgen eine unbewusste Absicht. Sie haben eine bewusste Absicht.
Sie leben in Gedanken des Mangels „Es gibt nicht genug Liebe, Anerkennung, etc.“ Sie leben in Gedanken der Fülle.
Sie sind im Kleinkind-Modus Sie sind im erwachsenen Modus.
Sie nutzen Ihre Gefühle unverantwortlich. Sie nutzen Ihre Gefühle verantwortlich.

 

In einer erwachsenen Beziehung sind die Partner nicht voneinander abhängig. Stattdessen steht jeder für sich mit beiden Beinen im Leben und kann auch für sich selbst glücklich sein. Sie nutzen Ihr „Schwert der Klarheit“ um ganz klar Bedürftigkeit von Notwendigkeit zu unterscheiden. Vielleicht haben Sie schon einmal den Satz gehört „Zwei unglückliche Menschen können nicht gemeinsam glücklich werden.“ Wenn Sie also ohne Partner unglücklich sind, weil dann niemand Ihre Bedürfnisse erfüllt, dann wäre es an der Zeit, sich damit zu befassen. Schauen Sie, dass Sie zunächst selbst in Ihre Kraft kommen (versuchen Sie also nicht, Ihren Partner zu manipulieren, in dem Versuch, ihn zu ändern. Das funktioniert nicht.). Sollten Sie wieder einmal feststellen, dass Ihr Partner gerade einen Bedürftigkeits-Knopf gedrückt hat und Sie meinen, dass Sie z. B. nicht genug Liebe bekommen, dann wechseln Sie in den verantwortlichen Modus und erschaffen Sie einen Moment der Liebe. Gehen Sie nicht in die Abhängigkeit. Sie sind die Quelle. Nehmen Sie z. B. seine oder ihre Hand.

Sie wünschen sich mehr Wertschätzung und Anerkennung in Ihrer Beziehung? Dann beginnen Sie damit, Ihren Partner wertzuschätzen. Sie können nur das empfangen, was Sie selbst aussenden. Sie kennen vielleicht den Satz „Wie oben, so unten. Wie innen, so außen.“ Die Unterscheidung zwischen Bedürftigkeit und Notwendigkeit trifft auf das gesamte Universum zu. Sie erzeugen sozusagen durch Ihre innere Haltung eine Notwendigkeit im Universum. Wenn Sie in Mangel und Bedürftigkeit denken, dann geht dieses Denken raus ins morphogenetische Feld und das Universum kann nicht anders, als Mangel und weitere Bedürftigkeit zu generieren. Wenn Sie jedoch in den verantwortlichen Modus wechseln und selbst zur Quelle von Liebe und Anerkennung werden, dann erzeugen Sie im morphogenetischen Feld genau die Notwendigkeit, dass sich das auch in Ihrem Leben manifestiert.

Welche Haltung wählen Sie?

Herzliche Grüße,

Ihre Nicola Nagel

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